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 Betreff des Beitrags: Dr. Bernhard Seifert zu Ameisenhaltung und –handel (2014)
BeitragVerfasst: 19. Jan. 2015, 19:06 
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Registriert: 26. Apr. 2004, 10:34
Beiträge: 1246
Wohnort: Reinheim
In der DASW ist es sehr ruhig geworden um die Probleme, die mit dem Ameisenhandel und mit den Importen gebietsfremder Ameisen verbunden sind. Seit unser Vorstoß in Richtung eines Importverbots beim BfN abgeblockt wurde (vgl. „Ameisen-Handel und Naturschutz in der BR Schilda“. Ameisenschutz aktuell 20, 93-101, 2006), habe auch ich es aufgegeben, gegen diese Einfuhren vorzugehen.

In den diversen Ameisenforen hingegen flammt die Diskussion immer wieder auf, und insbesondere mir wird immer wieder unterstellt, dass ich „gegen jegliche Ameisenhaltung“ sei und entsprechende Verbote anstrebe. Ich werde geradezu „verfolgt“, speziell von einer Person, deren „Spuren“ nun auch in diesem Forum anzutreffen sind.

Doch zum Thema:
Am 30. Aug. 2014 erschien in der BILD-Zeitung (!) ein kurzes Interview mit Dr. Bernhard Seifert. Es ging hauptsächlich um die in D vordringende invasive Ameisenart Lasius neglectus:
http://www.bild.de/regional/chemnitz/am ... .bild.html

Im „Ameisenforum“, das zum 1. März 2014 von dem Antstore-Besitzer Sebesta aufgekauft wurde, hatte man das Interview verlinkt. Man stellte fest, dass er sich darin nicht gegen die Ameisenimporte ausgesprochen habe, dass diese somit auch von ihm abgesegnet seien.
Es gab eine heftige Diskussion, die inzwischen von der Forumsadministration gelöscht wurde. Ich hatte Herrn Seifert auf die Diskussion hingewiesen und ihn gebeten, in dem Forum mal persönlich Klartext zu schreiben.
Das hat er getan, mit dem folgenden Beitrag:

"Ich habe früher tausende von Ameisenproben an Orten höchster Biodiversität gesammelt und ich schätze, dass dabei etwa 10-15% der besammelten Nester, so schwer geschädigt waren, dass sie eingingen. Mein schlechtes Gewissen wurde dabei allein dadurch im Zaum gehalten, dass diese Vorgehensweise für das Gewinnen fundamentaler wissenschaftliche Erkenntnisse unumgänglich war. Ich kann dafür geradestehen. Bei den allermeisten im Forum kommunzierenden Ameisenhaltern geht es dagegen um Spass, Spiel, Kurzweil und lockeres Geschwätz mit und über aus der Natur entnommene Tiere. Nur eine winzige Minderheit betreibt eine ernsthafte, gut beobachtende und sauber protokollierende Freizeitforschung.

Gerade diese wird aber viel eher zu einem spannenden Krimi und einem die psychische Stabilität fördernden Faktor als verantwortungsloses und beliebiges Herumspielen ohne Hingeordnetsein auf ein Ziel. Bei vielen Ameisenhaltern offenbaren sich Haltungen, die der eines Kindes entsprechen, das wochenlang mit einem teuren Feuerwehrauto spielt, es dann aber in die Ecke stellt und nicht wieder anschaut. Erkenntnisgewinne über die Biologie der Tiere haben sich aus dem, was ich in deutschen, italienischen, französischen und russischen Ameisenforen gelesen habe, nur selten ableiten lassen. Das war wie aus C-Rohren Wasser saufen und trotzdem noch Durst haben. Da also positive Nebenwirkungen des Spieltriebes so begrenzt blieben, kann ich für das boomende Geschäft mit der privaten Ameisenhaltung keine Sympatie empfinden. Diese Empfindung geht schon ein wenig in die Richtung des miesen Geschmackes, den ich empfinde, wenn ich auf Entomologentagungen die Stände der Insektenhändler sehe, die serienweise seltene Falter und Käfer verhökern, die sie irgenwo in den Alpen oder in Kroatien zusammengeraubt haben.

Antstores müssen betriebswirtschaftlich denken – also z.B. Fahrt- und Transportkosten senken. Was liegt da also näher als Fundortlisten zu studieren und nach seltenen, attraktiven Arten möglichst schon in Deutschland zu suchen und die wenigen in unserem übernutzten Land noch verbliebenen Biodiversitäts-Hotspots zu plündern. Unter den meisten Steinen, die er umdreht oder in den meisten Haufen, in die er hineingräbt, ist zudem nicht das, was der Händler sucht - 98% Kollateralschaden.

Zu den Gefahren des Ameisenimportes für heimische Ökosysteme lässt sich aus meiner Sicht folgendes sagen. Der Import exotischer Ameisenarten, die auch leichte Frostgrade nicht überstehen würden, ist mit keinen Gefahren für unsere heimischen Ökosysteme verbunden. Kritisch wird es aber, wenn z.B. aus dem Mittelmeerraum schöne und attraktive Arten wie z.B. solche der Pheidole-pallidula- oder Tapinoma nigerrimum-Gruppe eingeführt würden, die eine Potenz zur Superkolonialität haben und die Winter 2011/12 und 2012/13 (als bei meinem Auto der Diesel einfror!) in ihren Brückenköpfen in Deutschland gut überstanden haben. Setzt die ein gelangweilter Ameisenhalter frei oder brechen die etwa aus, kann durchaus ein weiterer Brückenkopf entstehen. Gleiches könnte für einige Arten aus dem relativ winterkalten Süd-Argentinien oder Südafrika zutreffen (Attas in der Pampa werden immer mal wieder mit Frost konfrontiert). Dass ein Import tropischer Ameisen immer harmlos sei kann also keineswegs pauschal behauptet werden. Man muss die Arten und deren Reaktionsnorm kennen. Der Ameisenhändler kennt die aber fast nie. Wenn man deren Webseiten durchgeht merkt man was die können...

Dass importierte Ameisen Vektoren von Insektenpathogenen sein können, die auf heimische Arten überspringen können, ist denkbar. Es kann sein, dass das wenig wahrscheinlich ist, aber genaueres ist nicht untersucht. Angesichts der beängstigenden Szenarien „mit vor der Tür stehenden“ oder schon eingeführten humanpathogenen Keimen und Parasiten wird dem in der Forschung keine Aufmerksamkeit geschenkt."


Der Beitrag hat in dem Ameisenforum einen heftigen „shitstorm“ (neudeutsch) ausgelöst, der in Beleidigungen und Unterstellungen sogar ausländischer Forums-Mitglieder gipfelte.
Natürlich fühlen sich die Ameisenhalter „auf den Schlips getreten“. Herr Seifert redet bekanntlich nicht um den heißen Brei herum. Doch wurde der heftige Streit sogar bis in ein amerikanisches Ameisenforum getragen:
http://antfarm.yuku.com/topic/18189/Eur ... L1P0Pk5Cig
Ich will das hier nicht weiter ausführen.

Im „Ameisenforum“ wurde die gesamte Diskussion eingezogen, einschließlich der Stellungnahme von Herrn Dr. Seifert (er ist bekanntlich Autor des Buches „Die Ameisen Mittel- und Nordeuropas“). .„Meinungen“ von Laien werden in den Ameisenforen sehr hoch gehandelt, kritische Äußerungen von Wissenschaftlern werden zerrissen, oder gleich unterdrückt.

Insofern ist der oben wiedergegebene Beitrag ein Dokument, das es verdient, erhalten zu werden. In diesem Sinne poste ich diesen Beitrag.

MfG, A. Buschinger (WB)

_________________
!!! EINHEIMISCHE HAUSAMEISEN SIND KEINE SCHÄDLINGE per se !!! - Sie nutzen nur Baufehler bzw. Bauschäden zur Anlage ihrer Nester. Dies ist anders bei Exoten wie Pharaoameise, Pheidole spp. usw..


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