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 Betreff des Beitrags: Chemieeinsatz im Wald
BeitragVerfasst: 09. Jan. 2012, 18:51 
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Pestizideinsatz versus ökologischer Forstschutz
Gedanken zur Bekämpfung der Eichenfraßgesellschaften

Im letzten Jahr schreckte mich eine Meldung auf, die ich hier zur Diskussion stellen möchte. Niedersachsens Agrarminister und gleichzeitig oberster Forstchef, Gert Lindemann, leistet im internationalen Jahr der Wälder einen bemerkenswerten Beitrag zum Schutz des Waldes. So fordert Lindemann in dramatischen Worten, anlässlich der Vorlage des Niedersächsischen Waldzustandsberichtes 2011, einen verstärkten Biozideinsatz in Eichen- und Kiefernwäldern.

Zitat: „Wir dürfen den Wald den gefährlichen Schädlingen nicht wehrlos ausliefern. Ich setze mich deshalb dafür ein, dass die bevorstehende bundesweite Neuregelung des Pflanzenschutzrechtes den Waldbesitzern bei drohendem Kahlfraß effektive Bekämpfungsalternativen ermöglicht. Und weiter: „Auch im nächsten Frühjahr müssen wir an Kiefer und Eiche mit drohendem Kahlfraß durch Schadinsekten rechnen. Ich rate allen Waldbesitzern wachsam zu sein und den Empfehlungen unserer Waldschutz Experten zu folgen“, warnt Lindemann.

Als ehemaliger Forstbeamter weiß ich, dass es immer ein schwieriger Abwägungsprozess ist, und es niemals nur ein Richtig oder Falsch beim Einsatz von Chemie gibt.
Allerdings erinnere ich mich noch zu gut an den landesweiten Einsatz von Toxaphen oder Pellets gegen Mäusefraß, die chemischen Läuterungen mit Tormona 100 und Round up, sogar per Hubschrauber gegen massiven Birkenanflug, den großflächigen Einsatz von Herbiziden gegen Vergrasung und den verstärkten Hubschraubereinsatz mit Dimilin und Bacillus thuringiensis gegen Eichen- und Kiefernfraßgesellschaften usw.
Von vielen dieser Mittel wissen wir, dass sie krebserzeugend sind und zahlreichen Arten des Ökosystems Wald häufig größeren Schaden als Nutzen bringen. Erschreckendes Beispiel: „Round up/Glyphosat“. Dieses massenhaft weltweit eingesetzte Pflanzenschutzmittel galt bislang als selektiv wirkend und als völlig ungefährlich. Mehrere seriöse Studien belegen aber, dass es in Verdacht steht, Missbildungen beim Menschen auszulösen und eine drastische Reduzierung der Artenvielfalt zur Folge habe (F. William Engdahl vom 02.10.2010) Die biochemischen Eigenschaften von Glyphosat machen Pflanzen krankheitsanfälliger, reduzieren die Verfügbarkeit von Nährstoffen und viele Arten entwickeln zunehmend Resistenzen.
Die Generalstaatsanwaltschaft von New York verpflichtete Monsanto zu einer Unterlassungserklärung dahingehend, dass glyphosathaltige Pestizide vom Hersteller nicht mehr als sicher, ungiftig, harmlos, risikofrei, biologisch abbaubar, umweltfreundlich, oder gar als ökologisch vorteilhaft bezeichnet werden dürfen.

Aus der Literatur ist bekannt, dass trotz des Einsatzes chemischer und auch biologischer Pflanzenschutzmittel der völlige Zusammenbruch z.B. von Mäusepopulationen oder von Eichenfraßgesellschaften immer wieder verzögert bzw. verhindert wird. In unbehandelten Flächen dagegen brach die Mäusepopulation nach Erreichen einer bestimmten Dichte von selbst zusammen. Bei Populationen gibt es das mehr oder weniger periodische Anwachsen auf hohe Dichten, die dann unter der Wirkung der Antagonisten auch ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zusammenbrechen. Aus der Landwirtschaft ist hinlänglich bekannt, dass der Chemieeinsatz eine Spirale in Gang setzt, die immer höhere Mittelmengen zur Folge hat, mit langfristigen, oft verheerenden Auswirkungen auf Boden, Wasser, Luft, Menschen, Pflanzen- und Tierreich.

Mir scheint, dass auch im Wald die Nutzfunktion, aller Beteuerungen der Waldbesitzer zum Trotz, oberste Priorität hat und dass sich eine Gleichrangigkeit der Schutz- Nutz- und Erholungsfunktionen auf leere Worthülsen reduziert.
Laut Aussagen der Vertragsstaatenkonferenz zur biologischen Vielfalt, im Mai 2008 in Bonn, sind bereits ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten Deutschlands hochgradig vom Aussterben bedroht. Das gilt insbesondere auch für viele selten gewordene Tag- und Nachtfalter.
Ein weiter steigender Chemieeinsatz im Ökosystem Wald wird den Artenschwund exponentiell verstärken.

Sicherlich ist die reizende, allergene Wirkung der Haare des Prozessionsspinners
ernst zu nehmen und dessen schonende Bekämpfung im besiedelten Bereich zu versuchen.
Eine mögliche Alternative, den Prozessionsspinner an den Eichen zu bekämpfen, ohne dabei zu viele andere Arten zu schädigen, ist das Biozid „Bazillus thuringiensis Dipel ES“. Es soll laut Aussagen der Hauptstelle für Waldschutz in Eberswalde die selektivste und schonendste Möglichkeit sein. Allerdings ist das Mittel seit 2011 nicht mehr zugelassen. Firmen haben aufgrund hoher Anforderungen an die Prüf- und Zulassungsverfahren kein Interesse die Zulassung neu zu beantragen. Daher bleibt meines Wissens allein die Bekämpfungsmöglichkeit mit Dimilin, was aus ökologischer Verantwortung abzulehnen ist. Die Aussage des Herstellers von „der selektiven Wirkung“ des Dimilin ist bei genauerer Interpretation der Forschungsergebnisse seriöser Waldwissenschaftler äußerst kritisch zu sehen. Dimilin ist giftig für Wasserorganismen. Dies gilt in besonderem Umfang für Fischnährtiere, aber in höherer Konzentration auch für Algen und Fische. Daher stellt sich die Frage, ob immer der erforderliche Gewässerabstand von mindestens 100 Metern eingehalten wird. Dimilin hat eine toxische Wirkung auf freifressende Schmetterlingsraupen und Blattwespenlarven, z.B. auf Raupen des Eichenwicklers, des Großen und Kleinen Frostspanners sowie verschiedener Arten von Laubholzeulen. Der Häutungshemmer „Dimilin“ ist ein Biozid, das weit weniger selektiv wirkt und neben einer Gefährdung einer breiten Spanne von Insekten auch schädigend auf die Bodenfauna wirkt. Der Gifteinsatz betrifft vorrangig den Kronenraum. Unser Wissen aber über die Artenzusammensetzung dieses Ökosystems ist unzureichend und deshalb sollte ein diesbezüglicher, großflächiger Hubschraubereinsatz, zumindest im öffentlichen Wald, unterbleiben.

Der Zustand unserer Ökosysteme, den wir heute, zumindest für den mitteleuropäischen Raum, als bedrohlich einschätzen, ist eine Folge ungezählter, scheinbar vernünftiger Einzelentscheidungen, die in der Summe aber ein Desaster ergeben.
Die Zunahme vieler Waldschadinsekten könnte auch eine Folge der nach wie vor auf hohem Niveau verharrenden Luftschadstoffe und des hohen Stickstoffeintrages sein. Die derart aufgedüngten Wälder reagieren mit erhöhtem, aber „geilen“, anfälligem Wachstum. Zusätzlich schädigt die Bodenversauerung die Bodenfauna und damit die Nährstoffversorgung des Baumes.

Auf dem 31. Bayerischen Entomologentag vom März 1993 (siehe auch NachrBl.bayer.Ent.43(3/4) vom 15. September 1994) wurde die großflächige Begiftung der Eichenwälder mittels Hubschrauber und der Einsatz von Dimilin als auch von Bacillus thuringiensis mehrheitlich abgelehnt. Begründung: „Beide Biozide schädigten und schädigen als Breitbandgifte die besonders artenreiche Insektenfauna der Eichenwälder“. Daran hat sich auch bis heute nichts geändert. Außer, dass inzwischen wieder einige Insekten mehr auf der Roten Liste zu finden sind.


Ein Biozideinsatz in den lichten Eichen- und Kiefernwäldern wird mit großer Wahrscheinlichkeit besonders stark wärmeliebende Arten, insbesondere neben den Schmetterlingen, auch Ameisen, Laufkäfer, wildlebende Honigbienen und Wespen u.v.a. Wirbellose schädigen. Ganz besonders träfe das die bislang noch sehr artenreiche Fauna der Eichenwälder.

Nachfolgend einige Aussagen von Priv. Doz. Dr. Ernst-Gerhard Burmeister zu seinem Beitrag: „Biologische Fakten – politisch nicht durchsetzbar!“ (NachrBl.Ent. 43 (374) vom 15 Sept. 1994 S. 33 bis 39. Baumeistist war 2. Vorsitzender der Münchner Entomologischen Gesellschaft.
Zitat:
„Chemische Eingriffe in das biozönotische Gefüge des Waldes sind nur sehr schwer abschätzbar. Sie verhindern vielmehr die Selbstregulationsmechanismen der Natur. Sie sind ein weiterer Schritt zur Verarmung unserer besonders eingeschränkten naturnahen Landschaft.

Zyklisch wiederkehrende Gradationen der Eichenfraßgesellschaften sind bisher immer durch natürliche Prädatoren zum Erliegen gekommen. Biozideinsätze habe jedoch die blattfressende Insektenfauna immer wieder irreversibel geschädigt. Es bleibt ein ökologisch nicht vertretbarer Eingriff in das Ökosystem Wald.

Dimilin gilt als Häutungshemmer von Arthropoden, das gezielt Häutungen, bei Insekten besonders die der Jungstadien (Larven/Raupen) verhindert, sodass die Raupen getötet werden.
Bei den Insekten, der größten Gruppe aller lebenden Tiere, tötet Dimilin nicht nur Schädlinge sonder auch zahllose Nützlinge wie z.B. Blütenbestäuber und über die Nahrungskette Insektivoren und Parasiten.

Die Zuordnung von Organismen in die Gruppe Schädlinge und Nützlinge ist ausschließlich vom Wirtschaftsdenken des Menschen bestimmt und widerspricht ökologischem Denken.

Das Abbauprodukt des Dimilin ist Chloranilin, das auch beim Störfall 1993 der Fa. Höchst entwich und als krebserregend gilt. Das bayerische Umweltamt wies darauf hin, (FAZ, Juli 1994)

Auf die Wirkung auf tierische Organismen in der Vegetation wurde in Studien u. Propagandaschriften zum Einsatz dieses „spezifischen“!! Schädlingsbekämpfungsmittels ebenso wenig eingegangen, wie auf die Frage nach der Auswirkung auf Organismen ohne Metamorphose.

Untersuchungen auf Bodennematoden wie z.B. Fadenwürmer und Gelege anderer Tiere waren besorgniserregend. Wirkungsanalysen auf Wirbeltiere sind bislang nicht bekannt bzw. nicht veröffentlicht.

Was geschah angesichts des Kahlfraßes von Wäldern ohne den Einsatz von Chemikalien und Bioziden Anfang des vorigen Jahrhunderts??? Nichts, der Wald überlebte in den allermeisten Fällen. Wie sonst hätten wir heute noch die über zweihundertjährigen Eichenwälder des Spessarts, des Reinhardswaldes, des Sollings usw.? Eichenwälder sind auch durch mehrmaligen Fraß in ihrer Existenz kaum bedroht (s.v. LINDEINER 1994, KRAUS & v.d. DUNK 1993)

Untersuchungen über die Auswirkungen der Sprüheinsätze mit Dimilin zeigten jedoch, dass neben massiven Bestandeseinbrüchen seltene Arten im Bekämpfungsgebiet auch Verluste, ganzer Insektengruppen, in nicht direkt besprühten Bereichen (Abdrift des Mittels durch Wind und die Hubschrauberrotoren) beobachtet wurden.

Neben Dimilin wurde auch „Bazillus thuringiensis“ großflächig eingesetzt. Dieses Bakterium wirkt schädigend auf alle Wirbellosen und führt zu inneren und äußeren Gewebezerstörungen (ENTWISTLE et al. 1993)

Die außerhalb der besprühten Flächen überlebenden Parasitenpopulationen übten in der Folgezeit einen kaum einschätzbaren, reduzierenden Einfluss auf die phytophagen Arten aus. Paratsitierungen und Hyperparasitierungen kaum bekannten Ausmaßes fanden sich bereits bei seltenen Faltern.“ Ende des Zitats.

Diese Aussagen von Ernst-Gerhard Burmeister zu seinem Beitrag: „Biologische Fakten – politisch nicht durchsetzbar!“ vom 15 Sept. 1994 haben meines Wissens auch heute noch
grundsätzliche Gültigkeit. Glaubhafte gegenteilige Studien sind mir bislang aus dem Internet nicht bekannt geworden.

Die angeführten gesundheitlichen Probleme durch den Eichenprozessionsspinner dürfen natürlich nicht außer Acht gelassen werden. Allerdings hat eine sachliche Aufklärung der Bevölkerung und eine Sperrung betroffener, viel begangener Bereiche immer einem Chemieeinsatz vorauszugehen. So wie die Pollen zahlreicher Bäume auf viele Menschen stark allergen wirken, käme man aber nicht auf den Gedanken, diese Bäume zu fällen, wie es ein Beitrag zum Prozessionsspinner im Internet fordert.


Gert Habermann
Januar 2012

PS.: Heute erhielt ich nachfolgende Pessemitteilung der Partei der Grünen, Niedersachsen, die ich nachfolgend meiner Stellungnahme anfüge.
gruene@lt.niedersachsen.de
Gesendet: Freitag, 4. November 2011 14:11
An: Presseabo-nds-lt@mail.gruene-mail.de
Betreff: PM 365 Kein Gifteinsatz in Niedersachsen Wäldern


PRESSEMITTEILUNG von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Niedersächsischen Landtag

NR. 365
Datum: 4. November 2011

Kein Gifteinsatz in Niedersachsen Wäldern

Schäden an Eichenbeständen Folge des Klimawandels

Die Landtagsgrünen haben Minister Lindemann aufgefordert, den Einsatz von
Insektenvernichtungsmitteln in Niedersachsens Wäldern zu untersagen.
"Solange nicht ausgeschlossen werden kann, dass Umwelt und Natur und die
Gesundheit der Menschen gefährdet sind, ist eine derartige Maßnahme nicht zu
verantworten", sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Christian
Meyer am Freitag (heute) in Hannover. Es sei fahrlässig, dass im vergangenen
Jahr ohne ausreichende Information der Öffentlichkeit hochproblematische
Spritzmitte großflächig mit Flugzeugen ausgebracht worden seien, und
möglicherweise ahnungslose Waldspaziergänger gefährdet wurden.

Die eingesetzten chemischen Wirkstoffe stünden im Verdacht auch für die
menschliche Gesundheit gefährlich zu sein und würden zurzeit im Rahmen der
EU-Biozidrichtlinie auf ihre Auswirkungen für Mensch und Umwelt grundlegend
überprüft, sagte der Grünen-Politiker. "Eine vom Umweltbundesamt empfohlene
mechanische Bekämpfung von Schadinsekten ist zwar arbeitsaufwändig, aber
möglich".

Ursache für die Zunahme von Schäden an Eichen seien eine durch den
Klimawandel verursachte Schwächung der Bäume und Schadstoffeinträge aus
Industrie und Landwirtschaft. Meyer: "Hier gilt es anzusetzen, um
langfristig unsere Wälder naturnah zu erhalten und das Vordringen des auch
für Menschen nicht ungefährlichen Eichenprozessionsspinners zu stoppen.
Landwirtschaftsminister Lindemann muss sich für eine ökologischere
Waldbewirtschaftung einzusetzen."

_________________
Gert Habermann
Clusweg 4
37574 Einbeck


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