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 Betreff des Beitrags: Ameisen und Wildschweine, von Jürgen Dittmer
BeitragVerfasst: 17. Jul. 2009, 09:29 
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Ameisen und Wildschweine

Von Jürgen Dittmer

Je mehr wir uns mit den Hügel bauenden Waldameisen beschäftigen, um so deutlicher treten deren positive Eigenschaften ans Licht! Viele (die meisten?) „Wohltaten“ dürften zumindest uns Ameisenhegern bekannt und geläufig sein. Darum soll an dieser Stelle nicht alles zum wiederholten Male nach oben gekehrt werden. Aber es gibt immer wieder einmal Beobachtungen, die zum Staunen gereichen, oft die Leser aber auch an die Grenzen ihres Einfühlungsvermögens führen.
Vogelschutz leisten sie u.a., indem sie Standvögeln das Überwintern erleichtern: Infolge der aktiven Unterstützung der zahlreichen Pflanzensaftsauger während der Vegetationszeit durch die Ameisen finden Vögel reichlich Überwinterungsstadien dieser „Honigtaulieferanten“, mit deren Verzehr sie gut harte Winter überleben können.
Auch tragen Ameisen auf ganz andere Art und Weise zum Wohlbefinden der Vögel bei:
Singvögel, bis hinauf zur Größe der Rabenkrähen (Corvus corone corone, L.), nutzen das Ameisengift zur Abwehr ihrer Peiniger, nämlich den Vogelmilben (Dermanyssus gallinae), Zecken (Ixodes rizinus) und Vogelflöhen (Ceratophylus sp.) Dabei werden zwei verschiedene Methoden angewandt:
Gelegentlich kann man beobachten, wenn Vögel mit dem Schnabel eine Ameise ergreifen, um diese wiederholt unter ihren Flügeln durchführten. Dabei versprühen die Ameisen zur Abwehr „Gift“, was zur Desinfektion der am meisten gefährdeten und schwer erreichbaren Körperstellen führt.
Eine weitere Methode besteht darin, dass sich die Vögel auf belebte Ameisenhügel setzen, die Flügel weit ausbreiten, mit dem Schnabel in der Nestkuppel „stochern“, oder, besser gesagt „pflügen“, um auf diese Weise die Ameisen zum Versprühen ihres Giftes zu veranlassen, da diese „meinen“, sich auf diese Weise des Peinigers erwehren zu können.
Diese letztere Art des „Einemsens“, wie wir so etwas nennen, wurde vom Verfasser des öfteren bei Meisen, im Mai 2000 auch bei einer Rabenkrähe beobachtet.
Körperpflege durch die Waldameisen ist auch bei anderen Tieren bekannt. Untersuchungen haben ergeben, dass z.B. Wildkaninchen im Bereich von Waldameisenkolonien weniger von Zecken (Ixodes rizinus) befallen sind. Ein 100% -iger Schutz ist jedoch in keinem Falle nachgewiesen, Kontrollen der Erbeutungstätigkeit der Waldameisen im Bezug auf Zecken haben ergeben, dass wenige Larven, noch weniger Nymphen und keine Imagines eingetragen wurden. Ein kurzfristiger Schutz vor diesen „Plagegeistern“ ist jedoch durch direktes Besprühen der befallenen Tiere zu verzeichnen gewesen, siehe oben. Es ist bekannt, dass Rehe gern ihre „Betten“ (Lager) aus dem gleichen Grunde der Bekämpfung ihrer Parasiten im Bereich von Ameisenkolonien „errichten“. Man sollte jedoch bedenken, dass viele wildlebende Tiere sich ohnehin besonders gern an sonnigen Plätzen niedertun, nicht nur Ameisen bevorzugen solch warme Bereiche! Die in den Lagern verbleibenden Parasiten werden dann eben teilweise von den Ameisen verzehrt. Ob die Rehe sich dort gezielt der Zeckenbekämpfung wegen aufhalten, oder nicht, das wird unterschiedlich vermutet. Versuche brachten ans Tageslicht, siehe oben, dass wenig Zecken, eigentlich ja nur einige Larven und noch weniger Nymphen, erbeutet und eingetragen wurden.
Anders verhält es sich bei anderen Parasiten: Flöhe stellen eine willkommene Abwechslung dar auf dem Speisezettel der Ameisen. Sie wurden nachweislich spürbar beseitigt, also vertilgt.
Besonders augenscheinlich wird es, wenn Wildschweine ihre „Schwarte“ (Fell) vor Zecken und Flöhen schützen wollen (?) Denn: zusätzlich verlockt sie die Wärme der Nestkuppel, und sie roden sich dort regelrecht für einige Zeit ein. Was sie dann hinterlassen, sieht natürlich verheerend aus! Der oberirdische Nestbereich ist völlig platt, und die Ameisen laufen, teils mit Königinnen, Innendienstlerinnen, Eiern, Puppen und Larven, teils auch mit Nestmaterialien „beladen“, herum, um zu retten, was noch zu retten ist! Das optimale Nestklima muss, so schnell wie möglich, wieder hergestellt werden. Notfalls an anderer Stelle. Und das kann Tage dauern! Wenn die Wildschweine dann noch auf „die Idee kommen“, die Nester nach Engerlingen und anderem schmackhaftem Getier oder Beuteresten abzusuchen, dann wird es kritisch mit der Zukunft der betroffenen Nester. Starke Völker (!) im optimalen Biotop (!) und bei optimalem Wetter (!) überstehen diese Tortour meistens: Entweder entstehen diese arg geschädigten Ameisennester an gleicher Stelle neu, oder in der Nachbarschaft, wobei Umzüge regelmäßig zu großen „Personalverlusten“ führen. Diese Wanderungen, bei denen die Brut in allen Stadien, die Innendienstlerinnen, insbesondere aber die Königinnen in mehr oder weniger langen Trecks „über Land“ transportiert werden, führen immer zu starken Dezimierungen durch Nutznießer, beispielsweise Singvögel.
Tritt der Schaden erst gegen Ende der Vegetationszeit ein, und können die Schäden nicht rechtzeitig vor Kälteeinbruch oder einer Regenperiode beseitigt werden, dann kann es allerdings kritisch werden, ähnlich den Schäden während der kalten Jahreszeit! In großen Nestern mit tiefreichenden Baumstümpfen, allenfalls, wird der Winter dennoch, oft mehr schlecht als recht, überstanden.
Da gerade die Rede war von Wildschweinen, hier ein Erlebnis aus den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts: In einer von mir betreuten Waldameisenkolonie wurde ich gelegentlich eines Kontrollganges Zeuge eines Dramas: In unmittelbarer Nähe eines vitalen Ameisennestes lagen drei neugeborene Frischlinge (junge Wildschweine), völlig übersät mit Ameisen! Sie hatten bereits aufgrund der Peinigung den doch nicht so sicheren Kessel (Nest) in ihrer Not verlassen, bewegten sich kaum noch und verendeten auch gleich in den nächsten Minuten nach dem Auffinden. Die Säure dieser unzählbaren Waldameisen hatte ihre Wirkung getan, die Ameisen hatten das Jungwild in Erwartung der Erweiterung des Speisezettels getötet! Die Natur erscheint uns Menschen manchmal grausam! Aber: so grausam uns dieser Fall zunächst erscheint, so zeigt dieses Beispiel eigentlich nur, wie die Natur mit unnatürlichen Abläufen regulierend umgeht. Normalerweise kommen Frischlinge sehr früh im Jahr zur Welt, in einer Zeit, in der die Waldameisen noch nicht, oder erst wenig auslaufen. Diese Jungen fand ich aber mitten im Sommer, im Juli! Das Frischen (Gebären von Wildschweinferkeln) zur „Unzeit“ ist oft auf ein gestörtes Sozialgefüge der Rotten (Wildschweinfamilienverbände) zurück zuführen, welches als ursächlich für das Fehlen der Leitbache, aus welchen Gründen auch immer, anzusehen ist! Das Muttertier kann z.B. durchaus im Straßenverkehr umgekommen sein, aber auch bedauerliche Fehlabschüsse bei der Schwarzwildbejagung können als Ursache herangeführt werden! Normalerweise wird der biologische Rhythmus stets von dieser, meist ältesten Bache, gesteuert, sodass alle Frischlinge einer Rotte ziemlich gleichzeitig, und immer auch in biologisch sinnvoller Zeit, zur Welt kommen.
Wir kennen Ähnliches auch aus der Welt unserer Ameisen. Die Synchronisation des Schwarmbetriebes einer Kolonie, einschließlich derer aus der Nachbarschaft, garantiert dabei das Zusammentreffen männlicher und weiblicher Geschlechtstiere und ermöglicht „nebenbei“ noch einen genetischen Austausch!
Bei den Wildschweinen geht es um die volle Nutzung der wärmeren und nahrungsreicheren Vegetationszeit.
Späte, also noch zu junge und damit schwache Frischlinge, können, wenn sie noch unreif in den Winter gelangen, arg in Not geraten!
In unserem Falle befanden sich die Waldameisen bereits in der Phase höchster Aktivitäten, in der der Nahrungsbedarf besonders hoch war. Noch wehrlose, da viel zu junge „Wildschweinkinder“ kamen ihnen da gerade recht!
So grausam diese Methode manchem Leser auch zunächst erscheinen mag: Ist es nicht doch richtig, wenn auf diese Weise vermieden wird, dass ein heilloses Durcheinander entsteht, wenn jedes weibliche Tier dann schließlich, also aufgrund unnatürlichen Geburtsdatums, seinerseits irgendwann zur unzeitgemäßen Geschlechtsreife gelangt? Es käme ja immer wieder zu nicht zeitgemäßen Geburten, würde, in diesem Falle die Waldameise, hier nicht regulierend eingreifen?
Sonst wären Fuchs, gegebenenfalls auch Luchs, Wolf etc. „Retter in der Not.“ Allerdings hat hier dann meistens die Bache noch „ein Wörtchen mitzureden“, sie macht es den Angreifern nicht leicht!
Winterliches Erfrieren und Verhungern als Alternative sind ja auch nicht gerade „human“!
Die Natur ist meistens nicht so zimperlich, wie wir zivilisierten Menschen uns das vorstellen – oder wünschen. Ich erinnere daran, dass jedes Beutetier zunächst einer mehr oder weniger quälenden Prozedur unterworfen wird, ehe es verzehrt werden kann.
Autor: Jürgen Dittmer, 31134 Hildesheim
E-Mail-Adresse: juergen.dittmer@freenet.de

_________________
Gert Habermann
Clusweg 4
37574 Einbeck


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